In Mühlen steht 130 km von der Küste entfernt die älteste Seefahrerschule des Oldenburger Landes. Erleben Sie einen Unterricht in Seefahrtskunde hier

200 Jahre Seefahrerschule am 19. August 2017 (OV-Artikel)

Die Einrichtung der Schule war eine Folge der bäuerlichen Sozialstruktur des hiesigen Raumes. Die Heuerleute, ihre Entstehung geht bis ins 16. Jh. zurück, waren stets auf der Suche nach einem Nebenerwerb, um das Ackerleben ihrer Familien zu sichern. Neben dem häuslichen Spinnen, Weben, Stricken, Körbe- und Besenbinden wandte man sich nach dem 30jährigen Krieg dem Hollandgang zu, und mit dem Beginn des 19. Jh. sah man im Heringsfang ("Büs") und auf der "Grossen Seefahrt" mit den sog. Kauffahrteyschiffen die große Chance zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.

Die Einrichtung einer Nautischen Schule in Mühlen ist auf die Initiative des Nebenschullehrers Johann Henrich Rabe zurückzuführen. Da damals fast alle Söhne der Heuerleute im Sommer zur See fuhren, mangels Arbeitsplätze in der hiesigen Gegend, war es sein Ziel, diesen nautische Kenntnisse beizubringen, da ihnen diese Kenntnisse bessere Bedingungen brachten. Im Jahre 1817 wandte J.H. Rabe sich deshalb an die herzogliche Kammer in Oldenburg, nachdem es sich bereits das Wohlwollen des Amtes Steinfeld gesichert hatte. Bereits am 11. August 1817 kam die Antwort der Regierung in Oldenburg. Diese läßt erkennen, dass die Regierung dem Vorhaben des Schullehrers Rabe grundsätzlich positiv gegenüberstand. Aber Rabe musste erst Zeugnisse zum "Beweis der Kenntnisse im Fach der Steuermannskunst" vorlegen. So zögerte er auch nicht lange und fand sich bei Prof. Braubach in Bremen ein, um sich prüfen zu lassen. Im Oktober 1817 legte Rabe die Dokumente dem Amt in Steinfeld vor. das ihn auch weiterhin unterstütze.

So kam es, dass mit einem positiven Schreiben aus Oldenburg vom 15. Nov. 1817 150 Reichstaler Gold "zur Anschaffung der nötigsten Bücher und Instrumente beim nautischen Unterricht" bewilligt wurden. Alle Stellen waren von der Notwendigkeit einer nautischen Schule im hiesigen Raum überzeugt und große Hoffnungen wurden für die Zukunft in sie gesetzt. Die großen Hoffnungen erfüllten sich indes nur teilweise.

Am 16. Mai 1831 wurde das Amt Steinfeld von der herzogl. Regierung in Oldenburg aufgefordert, über das Fortbestehen und die Erfolge der nautischen Schule zu Mühlen zu berichten. Dabei wurde eingeräumt, dass die Schule die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt habe "bei der Menge der Personen, die von hier zur See gehen." Schuld daran hatte aber nicht so sehr der Lehrer Rabe, sondern "die Art und Weise, wie die hiesigen Seefahrer die Sache betrachtet haben, da sie zum Teil glauben, alles das, was sie zu ihrem Fach nötig haben, im praktischen Seedienst ohne weiteren Unterricht erlernen zu können, der ihnen nur Kosten macht." Die Kosten waren jedoch denkbar gering. Rabe ließ sich für die Teilnahme an einem abgeschlossenen Lehrgang, der sich über 2-3 Winterhalbjahre erstreckte, 10 Gulden zahlen. Dieser Betrag brauchte erst dann entrichtet zu werden, wenn der Lehrgangsteilnehmer als Vollmatrose fahren konnte und ein ertragreiches Jahr hatte. Doch schließlich führte dies zur Auflösung der nautischen Schule zu Mühlen.

Die Schließung der Seefahrerschule hatte jedoch keinen Einfluss auf die Mühlener Seefahrertradition bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. In jeder alteingesessenen Familie waren die Seefahrer zu Hause.